Engel der zweite

Als ich den Engel traf, habe ich es gar nicht gemerkt, er saß neben mir im Flugzeug. Er beobachtete mich eine Weile und sprach mich dann an: “Du bist so unruhig und nervös,“ sagte er. „Was ist passiert?“ Ich wandte den Kopf und schaute ihn an. So schwarzes langes Haar, so schwarze Augen, die mich belustigt ansahen. „Ja, ich bin kurz vor der Krise…..
Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.“ „Warum denn das?“ Interessiert sah er mich an und ich spürte, dass die Frage keine Neugier war. „In letzter Zeit ist zu viel passiert. Mein Mann hat mich und die Kinder verlassen.“

Nachdenklich streifte mich sein Blick. „Es könnte sein, dass ich deshalb hier bin,“ lächelte er mir zu. „Es hat sich herumgesprochen, welches Unglück dir gerade widerfährt und ich möchte, dass du weißt, nichts passiert ohne Grund, alles ist dir vorbestimmt.“ Verzweifelt schluckte ich. Das war ja wohl das Letzte. Was erzählt einem dieser Engel?

„Warst du schon mal verheiratet?“ versuchte ich ihm entgegenzuschleudern. „Hast du Kinder, die du schmerzlich vermisst? Es tut mehr weh als Pfeffer in einer offenen Wunde.“ „Nein, aber ich bin geschickt worden, dir zuzuhören, dich zu begleiten, dein Gepäck mitzutragen; ich bleibe ein bisschen bei dir.“ Ich war sprachlos, auch gut, soll er bleiben. Ich hatte noch viel in mir, was ich loswerden musste.

Inzwischen waren wir gelandet und in einer Unterkunft untergebracht. Und dann erzählte ich. Stunde um Stunde. Er teilte meinen Glühwein mit mir. Wir benutzten die gleiche Tasse. Er hielt mir die Hand, sagte nichts und hörte zu. Später hielt er mir den Eimer, damit ich nach all den Worten, nun auch den überschüssigen Glühwein noch ausspucken konnte.
Als er mich in den frühen Morgen mit dem Ende der Dunkelheit verließ, ging es mir nicht gut, aber um Längen besser. Danke, mein Freund. Du warst heute Nacht mein Engel!

Schreibwerkstatt – Gemeinschaftstexte

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